Das 15. Mal

Es geht los. Letzte Nacht konnte ich wiedermal nicht schlafen. Typisch bei mir, denn vor aufregenden Reisen kann ich nie richtig schlafen. Ist es die Aufregung über die Reise selber oder die Aufregung, das ich etwas verpassen könnte. Sei es die Bahn, den Flug oder gar das Ticket. Habe ich alles eingepackt?  
Hierbei fällt mir das oftmals erst ein, wenn ich bereits unterwegs bin, wie gerade jetzt! 
 
Ich sitze das erste Mal seit Ewigkeiten wieder in einem Zug. Es geht nach Arnstadt. Dort wartet mein Bruder, der schon seit Dienstag dort ist. Wiedermal ist viel passiert seit dem letzten Jahr. Wo es um diese Zeit 2015 erst mit dem "Krieg" zwischen uns und dem Hausbewohnern ging und dem "Krieg" zu Elvira, ist diesmal alles anders. Das Jahr startet gut! Mit den Hausbewohnern, außer dem Ladenbesitzer, verstehen wir uns prima. Hier half wirklich ein klärendes Gespräch. Eine Erklärung, dass wir zwar die Söhne unseres Vaters sind, aber nicht so ticken wie er. Eine Erklärung, dass wir alles für den Hausfrieden machen wollen und das auch so schnell wie möglich. Einzig die Blockierung von Ihr, Elvira Schröder, setzte uns immer wieder die Steine in den Weg. 
 
Doch sie ist weg. Zumindest zu 99% ist sie endlich aus unserem Leben verschwunden.  
 
Versteht mich nicht falsch. Ich hasse diese Frau nicht, ich bin ihr eigentlich dankbar für das was sie mit unserem Vater in seinen letzten 10 Jahren gemacht hat. In dieser Richtung hat sie unseren Vater mehr als aufblühen lassen. Er wurde lebensfroh und hat so viel erlebt, so viel gelacht und sicherlich mehr als nur seinen zweiten Frühling erlebt. 
Mehr als zu gern hätten wir sie in unser Leben aufgenommen, das haben wir Ihr Anfang Juni 2014 direkt gesagt. Doch das genau war der letzte positive Kontakt zu Ihr. Und es war der letzte reale Kontakt zu Ihr. Wir haben sie seit diesem Tag nie wieder gesehen. Nur Kontakt über einen Anwalt. 
Nun hat sie vor 18 Tagen endlich auf all Ihre Rechte in Bezug auf das Erbe unseres Vaters verzichtet und die Wohnung für uns freigeben. Das letzte Prozent zur endgültigen Beendigung ist einzig das Schreiben des Grundbuchamtes. 
 
Doch die heutige Reise ist nicht Ihr sondern meiner Mutter gewidmet. 
 
Genau vor 15 Jahren schlief sie in der Nacht vom 29. Januar zum 30. Januar 2001 in den Armen unseres Vaters nach über 4 Jahren Kampf gegen den Brustkrebs ein. Sie verlor den Kampf und ich verlor das Wichtigste in meinem Leben. Ich verlor den größten Teil meines Herzens, der noch heute leer steht und mit so vielen Erinnerungen voll ist. Und es kommen immer mehr dazu. Jedes Foto von Ihr jedes Lächeln auf diesen Bildern geben mir immer wieder ein winziges Stück Mama zurück. Doch ich weiß, dass ich sie nie wieder sehen werde. Und genau das ist es, was mich jedes Jahr um diese Zeit immer wieder trifft, diesen Verlust der eigenen Mutter. 
In diesem Jahr ist aber einiges anders. Nach den ganzen Streitigkeiten in Arnstadt, wo unsere Mutter nie wirklich glücklich war, haben wir sie Anfang Dezember 2015 umbetten lassen. Zu Ihren Eltern nach Zeulenroda, wo auch Ihr Bruder Hans-Jörg wohnt. Wo sie immer glücklich war, wo sie von sie Liebenden Menschen besucht wird. Diesesmal ist sie vielleicht wirklich glücklich, wenn sie auf uns von oben blickt. 
 
Mutti - ich werde es nie verstehen, dass ich Dich verloren habe und werde Dich bis in die Ewigkeit lieben und ehren. 
 
Durch dieses jährliche Ehren, ergab sich dann vor 6 Jahren eine neue Familientradition: Das Foto mit Mila und mir. Mila ist die Tochter meiner Cousine Katrin, die uns 2011 in München besuchte und wir ein gemeinsames Foto machten. Exakt die gleiche Position wiederholten wir in 2012 und anschließend in 2013, 2014, 2015 und nun in 2016. Dadurch ergab sich eine Collage, die ich danach immer poste, die unglaublich ist. Nicht nur zu sehen wie alt ich werde, sondern wie groß Mila wird. Wir sind gespannt, wann wir die Positionen ändern müssen, weil ich sie nicht mehr tragen kann! 
Im Jahr 2014 kam dann Katrins Sohn Jonas dazu... Da wird der Wechsel der Positionen sicherlich eher kommen. Ich denke schon diesmal wird es schwer beide auf dem Arm zu tragen. 
 
30. Januar - dieser Tag wird für immer der Familientag bleiben. Da werden wir die alten und die neuen Traditionen pflegen und zelebrieren. 
 
Mutti - Du fehlst mir so sehr.